Hinschauen statt wegsehen: Antisemitismus erkennen
Antisemitismus gehört zu den ältesten und gleichzeitig wandelbarsten Formen von Diskriminierung. Obwohl jüdisches Leben heute sichtbarer ist als lange Zeit zuvor, nehmen antisemitische Einstellungen und Vorfälle weiterhin zu.
Vor diesem Hintergrund widmeten sich sieben Ehrenamtliche beim Colored Glasses Community Call am 27. Mai der Frage, wie Antisemitismus erkannt, eingeordnet und ihm im Alltag sowie in der Bildungsarbeit begegnet werden kann. Gemeinsam mit der Referentin Clara Labuhn der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ wurde ein Lunchtalk rund um dieses Thema veranstaltet.
Antisemitismus als Diskriminierung verstehen
Zu Beginn stand die Einordnung von Antisemitismus im Kontext verschiedener Diskriminierungsformen. Diskriminierung wirkt nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch zwischen Menschen, in Institutionen, in gesellschaftlichen Strukturen sowie in kulturellen und öffentlichen Diskursen. Antisemitismus ist deshalb nicht allein als individuelles Vorurteil zu verstehen, sondern als gesellschaftliches Phänomen, das auf unterschiedlichen Ebenen sichtbar werden kann. Dabei beschreibt Antisemitismus mehr als eine bloße Ablehnung von Jüdinnen und Juden. Er umfasst Prozesse des „Othering“, also der Konstruktion von Andersartigkeit, sowie Formen der Dämonisierung, Ausgrenzung und Feindschaft gegenüber jüdischen Menschen.
Erscheinungsformen von Antisemitismus
Im Vortrag wurde deutlich, dass Antisemitismus unterschiedliche historische und gegenwärtige Erscheinungsformen besitzt. Dazu gehören antisemitisches Othering, bei dem Jüdinnen und Juden als „anders“ oder „fremd“ wahrgenommen werden, antijudaistische Formen, die religiös begründet sind, moderner Antisemitismus, der auf Verschwörungsmythen und Vorstellungen jüdischer Macht basiert, Post-Schoa-Antisemitismus, der Schuldabwehr betreibt oder die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen relativiert, sowie israelbezogener Antisemitismus.
Gerade die Vielfalt dieser Erscheinungsformen macht deutlich, dass Antisemitismus nicht auf einzelne Vorurteile reduziert werden kann. Vielmehr passt er sich gesellschaftlichen Entwicklungen an und tritt in unterschiedlichen Kontexten auf.
Wann wird Kritik an Israel antisemitisch?
Ein besonderer Schwerpunkt des Community Calls lag auf dem israelbezogenen Antisemitismus. Dabei wurde betont, dass Kritik an politischen Entscheidungen der israelischen Regierung grundsätzlich legitim ist. Problematisch wird es jedoch, wenn bekannte antisemitische Muster auf Israel übertragen werden.
Als wichtige Orientierung wurde der sogenannte 3-D-Test vorgestellt:
Delegitimierung: Antisemitisch wird Kritik dann, wenn dem Staat Israel grundsätzlich das Existenzrecht abgesprochen wird.
Doppelstandards: Von Doppelstandards spricht man, wenn an Israel Maßstäbe angelegt werden, die für andere Staaten nicht gelten.
Dämonisierung: Dämonisierung liegt vor, wenn Israel als das „einzig Böse“ dargestellt oder mit klassischen antisemitischen Bildern und Zuschreibungen verbunden wird. Auch Gleichsetzungen Israels mit dem Nationalsozialismus können in diesen Bereich fallen.
Darüber hinaus wurde darauf hingewiesen, dass israelbezogener Antisemitismus auch dann vorliegt, wenn Jüdinnen und Juden weltweit pauschal für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden und Israel mit dem NS-Staat gleichgesetzt wird.
Warum Antisemitismus gesellschaftlich wirksam bleibt
Antisemitismus erfüllt häufig bestimmte gesellschaftliche Funktionen, u.a. werden komplexe politische, wirtschaftliche oder soziale Probleme vereinfacht erklärt, indem Verantwortung einer vermeintlich mächtigen Gruppe zugeschrieben wird. Die eigene Verantwortung wird entlastet, das eigene Selbstbewusstsein und Gruppenindentität wird durch Diskriminierung anderer gestärkt. Außerdem trägt Antisemitismus eine Sündenbockfunktion bei der Schuld und Scham von sich selbst abgewehrt werden.
Handlungssicherheit im Umgang mit antisemitischen Aussagen
Ein weiterer Schwerpunkt des Community Calls war die Frage, wie auf antisemitische oder diskriminierende Aussagen reagiert werden kann. Als zentrale Grundsätze wurden hervorgehoben: Betroffene schützen und stärken, diskriminierende Aussagen nicht unbeantwortet lassen, die Wirkung einer Aussage ernst nehmen – unabhängig von der ursprünglichen Absicht, zwischen Person und Aussage unterscheiden, die hinter einer Aussage liegenden Emotionen und Funktionen betrachten, Eskalationen vermeiden und gleichzeitig klar Haltung zeigen.
Gerade für Teamer*innen (Workshop-Moderator*innen) können diese Prinzipien eine wichtige Orientierung bieten, um in herausfordernden Situationen handlungsfähig zu bleiben. Der Community Call hat gezeigt, dass Antisemitismus kein Randphänomen ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung darstellt. Umso wichtiger sind Wissen, Reflexion und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – im Ehrenamt, im Bildungsbereich und im Alltag.
Noch nicht genug gehabt?
Weiterführende Broschüren und Lektüren:
- Antisemitismus: Was ist israelbezogener Antisemitismus (Amadeu Antonio Stiftung)
- Welcher Fluss und welches Meer? – eine Einordnung der Mythen und Streitpunkte des Israel -Palästina -Konflikts (Bildungsstätte Anne Frank)
- Über Israel reden, von Meron Mendel
- Nichts gegen Juden (Amadeu Antonio Stiftung)










